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26. Apr 2020

Naming - in der Literatur

Naming ist ja, glaubt man Phil Karlton, eines der schwierigsten Probleme in der Informatik. Offensichtlich nicht nur da. Zumindest drängte sich mir beim Lesen von G.R.R. Martins Hauptwerk “Das Lied von Eis und Feuer” in deutscher Übersetzung auf, dass hier jemand mit Namen gekämpft hat:


Zunächst ein paar grundsätzliche Dinge. Ob es überhaupt nötig war Ortsnamen, Familiennamen und Vornamen zu übersetzen, wage ich zu bezweifeln (die Version die ich als Hörbuch gehört habe, hat fast keine Übersetzungen gehabt und klang trotzdem stimmig). Dennoch sollte bei einer Übersetzung ein roter Faden erkennbar sein.

Wenn sich ein Namen semantisch (d.h. von der Bedeutung her) übersetzen lässt, dann geht das aus meiner Sicht in Ordnung. Was mir bei “Das Lied von Eis und Feuer” aber sehr aufstöst sind andere Typen von Übersetzungen:

  • die lautmalerische Übersetzung, die eigentlich gar nicht übersetzt, sondern vielmehr den Klang des englischen Worts in deutsche Schreibweise überführt
  • die trügerische Übersetzung, wobei ein mehrdeutiges Wort in der falschen Semantik übersetzt wird
  • die verlustbehaftete Übersetzung, wobei eine semantische Übersetzung, jedoch zahlreiche wichtige Facetten des Originals verloren gehen

Es folgt eine Liste von Übersetzungen, die falsch, liederlich oder inkonsequent sind:

Allgemeines

  • Etwas wenig Sorgfalt gab es bei der Übersetzung des Adelstitels Lord bzw Lady. So ist Lord öfter Lord geblieben. Der Sealord of Braavos ist nun der Seelord von Braavos. Eine Übersetzung mit Fürst (oder von mir aus Herr) hätte eigentlich besser gepasst, dann auch konsequent Seefürst von Braavos. Die Reiterlords hört sich schon ziemlich undeutsch an, zumal man aus Tolkiens Herr der Ringe schon die richtige Übersetzung Reiterherren kennt.

  • Genauso wird wohl auch Lady nicht konsequent mit Frau, Herrin oder Dame übersetzt. Das wäre aus meiner Sicht auch völlig in Ordnung, es stört nur, wenn Wörter die eigentlich nicht übersetzbar sind übersetzt werden und dann solche englischen Fremdwörter stehen bleiben.

  • Eine Übersetzung von Master (Haus Tallhart, Haus Glover) scheint Herr zu sein, das ist etwas unglücklich, weil man eigentlich eher “Lord” so übersetzen würde und die natürliche Übersetzung “Meister” wäre. In der Semantik passt “Meister” aber nicht, vielmehr wäre hier der Titel Vogt angebracht.

Familiennamen

  • Die Bastardnamen sind aus meiner Sicht unfreiwillig komisch geraten. Nachnamen wie Blumen (Flowers), Schnee (Snow), Hügel (Hill), Stein (Stone), Sturm (Storm), Sand (Sand), Wasser (Waters) sind befremdlich, aber nunja, zumindest übersetzt. Über Befremdlichkeit hinaus geht die Übersetzung von Rivers mit Strom. Die Hauptbedeutung von “Strom” im Deutschen ist “Elektrischer Strom”, ich will nicht wissen wieviele Leser mehrmals lesen mussten und wie lange sie gebraucht haben, um die Semantik zu verstehen (es ist ja auch nicht so, dass sich das Werk nur an Akademiker richtet, für die muss man ja auch nicht übersetzen). Wenn man “Riverlands” mit “Flusslande” übersetzt, dann wäre es nur konsequent Rivers mit Flüsse zu übersetzen. Aber es geht ja noch schlimmer, die Übersetzung von Pyke mit Peik ist eine der oben genannten lautmalerischen (völlig sinnbefreiten) Übersetzungen. Ich kann selbst gar nicht entscheiden welche Bedeutung Pyke im Original haben soll (Hecht, Reuse oder Pike?), aber wenn es nicht übersetzbar ist, dann übersetzt es nicht. Punkt!

  • Nochmal die Bastardnamen. Es ging bei der Übersetzung doch darum die Begrifflichkeiten kulturneutral zu halten. D.h. der Leser soll nicht denken, Westeros wäre England. Dann könnte man sich auch die Freiheit nehmen die Bastardnamen etwas auf römisch-deutsche Namen zu übersetzen. Und im Mittelalter waren Nachnamen in Deutschland eher unbedeutend - man nannte sich eher nach den Besitzungen. Übertragen auf die Bastardnamen würden dann so stimmige Namen wie vom Schnee, von den Blumen, von den Hügeln, vom Stein, vom Sturm, von den Sanden, von den Wassern, von den Flüssen und von Pyke herauskommen.

  • Wenn die “Regen von Castamere” noch Sinn ergeben sollen ist eine sinnvolle Übersetzung des Nachnamens von Haus Reyne in Regn angebracht, gut gemacht.

  • Die Übersetzung von Baumnamen als Nachnamen finde ich jetzt wiederum nicht so glücklich. Ich habe mich schon gefragt wer dieser Lord Esch sein soll, bis ich im Netz Rowan gefunden habe. Ist aber ok, wenn man wirklich Nachnamen übersetzen möchte.

  • Dass wortwörtliches Übersetzen schön daneben gehen kann, erkennt man an der Übersetzung von Haus Dustin. Natürlich kann man hier “Dust” mit Staub übersetzen und kommt somit auf Haus Staublin. Hört sich an wie die Cousins der Beutlins in Mittelerde. Vielleicht wäre hier ein wenig Nachforschung im etymologischen Wörterbuch angebracht gewesen. Der Name Dustin kommt wohl von “Thors Stein”, die deutsche Entsprechung beim Vornamen wäre “Thorsten”. Das Wort Dust selbst kommst wohl vom proto-germanischen “dunstaz” (Sturm, Atem), der Bezug zum nordgermanischen Sturmgott Thor (Donar) ist vermutlich nicht zufällig. Haus Thorsten wäre sauber übersetzt, mit dem Bezug auf Dunst, Sturm, Thor oder Donar aber eventuell auch z.B. Haus Donnersteyn oder Donsten (beim letzteren klingt es aber schon wieder wie eine lautmalerische Übersetzung).

  • Warum musste Haus Glover übersetzt werden? Die Übersetzung Glauer ist jetzt so ziemlich durch überhaupt nichts gerechtfertigt. Es gibt Hinweise darauf, dass “Glauer” im deutschen so etwas wie Nachlässigkeit oder Trödelei bedeutet. Vermutlich handelt es sich bei der Übersetzung aber nur um eine verfehlte lautmalerische Übersetzung (die eben noch nicht einmal gleich klingt). Der englische Begriff ist (auch bei Betrachtung des Familienwappens) klar - ein Handschuh. Naiv übersetzt wären wir dann bei Haus Handschuher, was jetzt nicht besonders stimmungsvoll klingt und vermutlich auch dadurch begründet ist, dass es im Deutschen kein einzelnes Wort (sondern nur eine zusammengesetztes) für Handschuh gibt. Aus meiner Sicht bliebe aber noch eine Wortverschmelzung, z.B. Haus Handschur oder Handscher. Ich gebe zu, dass die Alternativen trotz besserer Übersetzung schlechter klingen, es wäre dann aber auch angemessen zu erwähnen, dass eine komplett unübersetzte Variante im Deutschen auch völlig unproblematisch gewesen wäre.

  • Wir haben ja schon gesehen (bei Glover = Glauer), dass es wohl nicht so wichtig ist, dass die Namen gleich klingen. Bei Lennister für Lannister scheint das wohl aber der Fall zu sein. Da ich gar keine gute Übersetzung habe und die vorhandene definitiv auch nicht gut ist, hätte man das doch einfach so lassen können. Weitere Beispiele: Reed wird im Deutschen zu Reet, warum? Royce wird zu Rois, immerhin kann man den englischen Namen im Deutschen nicht lesen, aber wirklich hilfreich ist die Übersetzung trotzdem nicht. Ich will mich ja nicht beschweren, aber wenn aus “Lannister” “Lennister” wird, dann müsste doch aus “Mallister” “Mellister” werden.

  • Was machen wir mit Mance Rayder, “Mance” gibts im Deutschen eben nicht … also erfinden wir einen deutsch klingenden Namen Manke und übersetzen dann einfach den Nachnamen nicht (obwohl der im Gegensatz zum Vornamen eine Bedeutung hat). Es war wohl keine Alternative den Vornamen zu lassen und den Nachnamen zu übersetzen, z.B. als Mance Räuber (zugegeben, hört sich auch blöd an, aber Rayder klingt nunmal wie Twix, somit wäre für mich klar welcher Namensteil eher eine Übersetzung benötigt).

  • Manchmal werden die orthographischen Eigenheiten von Namen mitübersetzt, manchmal nicht. Blackfyre ist im gemeinen Englisch eher “Blackfire”, hier hätte sich die Möglichkeit geboten auch die deutsche Übersetzung etwas abzugrenzen gegenüber Schwarzfeuer, z.B. mit Schwarzfeur. Ist auch so in Ordnung, aber mal wieder inkonsequent.

  • An vielen Stellen wurde bei der Übersetzung das englische “th” entfernt. Bei der Übersetzung von Thorne hat man hingegen weder lautmalerisch “Sorn” (bewahre) noch semantisch Dorn übersetzen, sondern einfach das “e” weggelassen, sodass Thorn heraus kommt.

  • Kommen wir zu verlustbehafteter Übersetzung von Nachnamen. Duncan the Tall mit Duncan der Große zu übersetzen klingt gar nicht mal so falsch. Bei der Rückübersetzung würde daraus aber “Duncan the Great” (analog zu Karl dem Großen, Friedrich dem Großen, Peter dem Großen). Außerdem klingt es in der Erzählung so, als würde der so benannte durch seine Höhe auffallen, so dass Duncan der Lange aus meiner Sicht viel besser passen würde. Lob dafür, dass sie bei der Übersetzung kein “Danken der Große” daraus gemacht haben. Aus Duncan the Small hätte ich dann aber nicht Duncan der Kleine gemacht, sondern etwas freier Duncan der Kleinere zumal im dieser Name nur deswegen anhängt, weil man ihn in Relation zu dem anderen “Duncan” setzt.

  • Bei Spitznamen sollte man mit der Übersetzung besonders sorgfältig sein so heißt Baelor Hightower auch Baelor Brightsmile, was im Deutschen mit Baelor Schönmund eher schlecht übersetzt wurde, da wären aus meiner Sicht in Frage gekommen: Baelor Gutgelaunt, Baelor Sonngemüt oder Baelor der Lächler.

  • Manche Übersetzungen hören sich eher wie Spottnamen an Lord Toad mit Lord Kröte zu übersetzen mag richtig sein, aber Lord Krött hätte das gleiche ausgesagt ohne den direkten Spott mitzutragen.

  • Eine neue Variante von gemischter Übersetzung ist die von House Foote zu Haus Fuhs. Wo kommt denn da das “h” her? Sieht aus wie ein “Haus Fuchs” dem das “c” verloren gegangen ist. Alternativ dazu ginge auch Haus Füss.

  • Die Übersetzung von House Cray mit Haus Flußkrebs basiert auf der Annahme, dass “Cray” für “Crayfish” steht. Für sich alleine steht es aber für “crazy” bzw. “verrückt”. Deswegen hätte ich hier Haus Wirr verwendet.

  • Nicht übersetzt wurde House Stark. Das heißt jetzt Haus Stark. Die Übersetzung wäre hier in der tat etwas schwer weil “stark” keine eindeutige Übersetzung hat, Kandidaten wären “völlig”, “gänzlich”, “kahl”, “öde”, “steif”, “starr”, “sachlich”, “rein”. Ich denke, die beste Bedeutung hier wäre im Sinne von “klar”, “nüchtern”, “bescheiden”, “schnörkellos”. Unter der Berücksichtung, dass sich die Silben nicht ändern sollten, würde ich empfehlen Haus Klar, Haus Hart oder Haus Starr. Keiner der Vorschläge ist für mich wirklich gut, die Nichtübersetzung erzeugt aber Folge-Probleme. Das House Strong musste jetzt mit Haus Kraft übersetzt werden (weil “Stark” ja schon belegt war), und erinnert irgendwie an Ketchup.

  • Manchmal wird aber auch nicht übersetzt. Tallhart leidet aus meiner Sicht an keiner der üblichen Übersetzungsschwächen (zum Glück finden wir hier nicht “Tollhart”). Grundsätzlich hätte man “hart” mit “Hirsch” übersetzen können, somit hieße das Haus Hohenhirsch.

Vornamen

  • Die Schattenwölfe haben vermutlich auch im Englischen etwas unkonventionelle Namen. Struppel für Shaggydog scheint mir etwas gewagt (aber meine Übersetzung Zottel ist von ähnlicher Qualität). Eher störe ich mich dann an Sansas Wolf Lady. Warum werden selbst Vornamen übersetzt, mit dem Risiko völligen Blödsinn zu produzieren und dann bleibt Lady unübersetzt? Dame klingt jetzt auch nicht sonderlich passend für einen Wolfsnamen, aber hier hätte der deutsche Namen nicht so geschadet wie an anderer Stelle.

  • Was macht man, wenn ein Vorname nicht sinnvoll übersetzbar ist, man deutscht ihn einfach ein. Mace (Tyrell) ist fürs übersetzen eine harte Nuss (Mace = Streitkolben?), man hätte es einfach so lassen können, aber man hat sich für Maes entschieden. Dieser Name ist im Deutschen auch nicht bekannt, er klingt auch überhaupt nicht deutsch. Die Übersetzung war einfach nur überflüssig. Den Namen Howland, den ich aus dem Englischen auch nicht kenne, musste man dann im Deutschen in Holand übersetzen (warum nicht gleich in “Holland”?). Auch hier hätte man es einfach sein lassen sollen. Oder Jaslyn Amwasser der eigentlich Jacelyn Bywater heißt, irgendwie ist auch dieser Name kaum deutscher geworden. Richtig unappetitlich klingt hier Runzfort Rothweyn für Runceford Redwyne. Weitere Beispiele für lautmalerische Übersetzungen: Bryce nach Bryk (hier sogar mit Lautverschiebung).

  • Den Nachname “Greyjoy” mit “Graufreud” zu übersetzen - kann man machen. Den Vornamen Joy mit Wonne zu übersetzen ist irgendwie schon wieder dreist. Womöglich gibt es den Deutschen Namen sogar, aber unpassende Namen reißen den Leser aus seiner Fantasie - über die Fantasie, die manche männliche Leser mit einer Frau des Namens “Wonne” verbinden, könnte man darüber hinaus spekulieren.

  • Besonders lächerlich ist die Übersetzung der Namen von Mance Rayders Speerfrauen Rowan, Holly und Squirrel mit Esche, Stechpalme und Eichhörnchen. Während man sich “Esche” und “Hörnchen” noch irgendwie als Spitznamen gefallen lässt, geht Stechpalme gar nicht. Solchen Namen gibt es im Deutschen nicht.

  • Dann gibt es dann noch Namen, die eindeutig englisch sind, aber in Deutschland absolut üblich. Die müsste man ja nicht übersetzen, wurde aber getan Jenny wird Jenne übersetzt. Interessant ist vielleicht, dass Jenny etymologisch von Jennifer (Gwenifer, Guinevere, Guinevra) kommt, und wir es somit hier mal wieder mit eine lautmalerischen Übersetzung zu tun haben. Fairerweise muss ich zugeben, dass ich diese Übersetzung überhaupt nicht als störend empfinde, sie ist nur etwas inkonsequent.

Ortsnamen

  • Im Original gibt es zahlreiche Städte/Orte mit dem Suffix “-hall” (Crakehall, Summerhall, Cider Hall, Harvest Hall). Was läge näher als das mit -hall zu übersetzen? Nein! “-hall” im Deutschen kennzeichnet eine Salzabbaustätte (Schwäbisch Hall, Hallstadt, Hallein), es kommt nicht von “Halle” (was völlig passend wäre) sondern vom Lateinischen “Halo” (Salz). Die Bedeutung von “-hall” im Englischen ist “Herrenhaus” und im entfernteren Sinne “Gut”, “Sitz” oder “Schloss”. Somit wären wir bei Summerhall bei Sommerschloss, Sommersitz oder Sommergut (statt Sommerhall), bei Crakehall bei Gut Rallen (statt Rallenhall), bei Cider Hall Gut Cider, bei Harvest Hall Gut Herbst, bei Evenfall Hall Gut Abendrot, bei Sunnflower Hall Gut Sonnenblume, bei Longbow Hall Gut Langbogen.

  • Einige mag es verwundert haben, wie King’s Landing übersetzt wurde - nämlich Königsmund. Die Idee dahinter scheint zu sein: Die Stadt liegt an einer Flussmündung, also übersetzen wir das nicht übersetzbare Wort “Landing” einfach mit “Mund”? Tatsächlich wäre die semantische Übersetzung “Königs Anlandung” im deutschen etwas holprig. Ich frage mich allerdings, warum man nichts semantisch passenderes hatte finden können. Spontan hätte ich z.B. Königsstrand gewählt.

  • Auch kann ich es ja verstehen, dass ein Übersetzer mal mit Wortschatz glänzen möchte. Scheinbar konnte man das Wort “sass” nicht unterbringen und so wurde aus Oldtown Altsass. Wir erinnern uns: Crakehall (Herrenhaus, Herrensitz der Crake), dafür war uns das Wort “Sitz” zu unwürdig, da wichen wir lieber auf das völlig falsche “Hall” aus, aber wir haben keine Skrupel aus “Stadt” “Sass” zu machen? Klar “Altstadt” hat eine andere Bedeutung, aber mit ein wenig Kreativität hätte man ja auch die Worte abwandeln können, z.B. auf Aelderstadt, Altenstadt, Altstädt oder Altburg.

  • Gar nicht so schlecht erwischte es Gulltown mit Mövenstadt. Aber einen Schritt zurück, warum heißt die Stadt denn so? Sie heißt so, weil sie vor Betrügern und Halsabschneidern nur so wimmelt, die den naiven Einwohner des Tals einfach nur allzugern “übertölpeln” (to gull somebody) wollen. Auch wenn es sich jetzt nicht wirklich besser anhört, aber semantisch besser übersetzt wäre Tölplerstadt.

  • Etwas in die Irre geführt wurde ich von Maidenpool (Jungfernteich) und Moat Cailin (Maidengraben). Während ersteres völlig korrekt übersetzt ist, ist die zweite Übersetzung ausgesprochen unglücklich nahe an der ersten (Maid = Jungfer, Graben = Teich). Und niemand würde vermuten, dass Maidengraben Moat Cailin heißt, “Moat” ist ja womöglich noch anständig übersetzt (=Festungsgraben), aber “Cailin” hört sich wie ein Eigenname an, konsequent wäre also Cailins Graben oder etwas freier Cailins Ring (Ringgraben), damit wäre die Überschneidung eben auch erledigt gewesen

  • Kommen wir zu Winterfell. Da hat doch wieder jemand nicht aufgepasst. Sämtliche Nebensächlichkeiten werden übersetzt und niemandem fällt auf, dass “Fell” im Englischen nicht “Fell” bedeutet, sondern “grausam”, “fürchterlich”, “gewaltig”? Ich will nicht wissen wieviele Fans sich schon Witze über die Herren von Sommerfell anhören mussten. Wäre alles nicht passiert bei konsequenter Übersetzung z.B. Wintergrimm. Interessant ist auch, dass der Übersetzer bei Haus Fell von Felwood sehr wohl richtig übersetzen konnte, nämlich zu Haus Grimm von Grimwald.

  • So richtig anfreunden konnte ich mich auch nicht mit Tiefwald Motte für Deepwood Motte. Hier ist mein Problem eher, dass im Englischen “deepwood” ein Attribut ist, im Deutschen würde man solche Wörter aber als Kompositum zusammenfügen (Tiefwaldmotte). Abgesehen davon hört sich “Tiefwald” etwas kindlich naiv an, ich würde tatsächlich präferieren Motte Schwarzforst.

  • Die Torrhenschanze findet man im englischen unter Torrhen’s Square - eine sehr freie Übersetzung. Ich weiß nicht was gegen Torrhens Feld gesprochen hat, aber zumindest klingt Torrhensschanze nicht ganz so seltsam und fern vom Original wie andere Wortschöpfungen.

  • Kommen wir nun zu den Übersetzungen von “-port” (Lannisport, Lordsport). Es hätte aus meiner Sicht ja gar nichts dagegen gesprochen das einfach so zu lassen, Port ist auch im Deutschen eine geläufige Begrifflichkeit. Aber nach dem Prinzip “maximale Überraschung” gibt es hier eine glänzende lautmalerische Übersetzung nämlich “-hort” (was jetzt mal wirklich nichts mit der Originalbedeutung zu tun hat). Ich hätte “-port” auch übersetzt, aber bei mir wäre dann etwas herausgekommen wie Lannishaven (statt Lennishort) und Fürsthaven (Herrenhort)

  • Was machen wir mit der Bay of Seals ? Eine Seehundsbucht statt eine Robbenbucht. Warum? Weil wir keine Ahnung haben, ob die dort lebenden Robben tatsächlich Seehunde (Phoca vitulina) sind. Auch die Seeleute, die der Bucht den Namen gaben, werden das so gesehen haben.

  • Etwas umständlich finde ich den Roten Bergfried (Red Keep). Zwar ist das Wort korrekt übersetzt, aber der Rote Turm ist ein Wohnturm (und damit kein Bergfried, der typischerweise eher unbewohnt war). Außerdem ist die Rolle des Turms als Bergfried nicht wichtig.

  • Kommen wir dann zu Weißwasserhafen (White Harbor) and der Mündung der Weißklinge (White Knife). Ich störe mich zwar an dem frei hinzugefügten “Wasser”, aber nehmen wir mal an, dass der Hafen tatsächlich nach dem Fluss benannt ist. Im Deutschen nennt man Flüsse nicht “Weißklinge”. Weißwasser wäre hingegen durchaus ein sinnvoller Flußname, der dann auch zum Weißwasserhafen passen würde. Oder eben ganz übersetzt korrekt Weißer Hafen am Weißen Messer - so schlecht klingt das gar nicht.

  • Die Übersetzung von “Wood” kann “Holz” oder “Wald” sein. Yronwood könnte damit Isenwald oder Isenholz sein. Nun gibt es aber keinen Eisenwald … und schon gar nicht in Dorne.

  • Und warum musste man bei Highgarden eine freie Übersetzung Rosengarten wählen? Hohengarten oder Hochgarten hätte es auch getan. Was ist schlimm daran? Historisch ist Highgarden die Hauptstadt des Hauses Gardener (Gärtner, aus meiner Sicht wäre Heger besser gewesen, aber anderes Thema), die eine Grüne Hand als Wappen hatten. Tyrell (Rose im Wappen) scheint im Englischen etwas mit Rosen zu tun zu haben (siehe Philip K. Dicks “Rosen” in “Träumen Androiden …” heißt in der Kinoadaption “Blade Runner” “Tyrell”). Rosengarten deutet also an, als hätten die Tyrell schon seit jeher in dieser Stadt geherrcht, was kontrafaktisch ist.

  • Der Stammsitz des Hauses Arryn heißt im Original Eyrie und hätte gut auch Falkenhorst heißen können. Auch hier war der Übersetzer freier und übersetzt es mit Hohenehr. Hört sich beides stimmig an, aber diese vollkommen freie Übersetzung hätte nicht sein müssen

  • Mal wieder unfreiwillig komisch ist die Übersetzung von Poddingfield als Suppenfeld. Da muss man dann doch wieder nachdenken, was ein Suppenfeld denn sein soll? Und ich frage mich auch wie man überhaupt auf “Suppe” kommt? Hat da jemand “Puddingfield” gelesen? Aus meiner Sicht sollte man das eher von “pod” (Schote) ableiten (was auch viel besser zu Haus Peasebury (Erbsengraben) passt. Aus meiner Sicht wäre Haus Erbsburg von Schotenfeld auf jeden Fall eine bessere Übersetzung gewesen.

  • Wir erinnern uns noch wo bei “White Harbor” ein Wasser eingeschmuggelt wurde? Bei Blackwater Rush (Schwarzwasser) wurde im Gegenzug eines unterschlagen. Aber Schwarzwasserschnellen hätte auch gepasst.

  • So eine richtige Glanzleistung ist Mulwarft aus dem Original Mole’s Town. Die Frage für mich ist, ob “Mole” überhaupt für den Maulwurf steht, oder einfach nur ein Eigenname ist (der Stadtgründer?). Moles Stadt hätte das ganze heißen können, es ist ja jetzt nicht so, dass irgendetwas sonst darauf hindeuten würde, dass dort Maulwürfe aktiv sind.

  • Eventuell hätte man auch nicht jede Wortkombination im Englischen zum deutschen Kompositum machen müssen. Red Watch hört sich als Rotwacht nicht so vertraut an wie Rote Wacht.

  • Ohne Rücksicht auf Semantik übersetzt wurde Massey’s Hook. Nicht nur dass der arme Massey mal wieder lautmalerisch übersetzt wurde, sondern dass der “Hook” einfach zum Haken wurde (Massies Haken), obwohl die Bedeutung hier ganz klar “Landzunge” ist. Richtig wäre also Masseys Landzunge (oder freier Masseys Zunge, Masseys Halbinsel).

  • Gullet mit Gurgel zu übersetzen ist jetzt nicht wirklich schlecht, aber für unberechenbare Strudel auf See hat sich im deutschen eher das Wort Schlund eingebürgert.

  • Auch bei der Übersetzung von “sharp” sollte man gegebenfalls mal die Semantik prüfen. Bei Haus Sharp mit Scharf zu übersetzen mag noch passen, aber den Sharp Point mit Scharfspitze zu übersetzen geht ein wenig an der eigentlichen Bedeutung Steile Spitze vorbei.

  • Interessieren würde mich, wie man von Ghaston Grey auf Grässlichgrau kommt. Entweder fehlt mir der Eintrag im Wörterbuch, oder hier wurde einfach eine Semantik erfunden (ist ja nicht ein Einzelfall). Im Netz wird gemutmaßt dass “Ghast” eine Form von Geistern wäre, dann wäre doch aber Geistergrau oder Graugeistern näher an der Bedeutung.

Nichts gegen die Königin der Übersetzungsfehler

Leider weiß ich nicht mehr in welchem Computer-Rollenspiel ich es gelesen habe. Aber sinngemäß stand in der Einleitung “[…] nach einiger Zeit im Verlies standen wir an einer schweren Tür. Aber wir konnten die Robbe nicht öffnen”. Schock!? Warum wollt ihr jetzt an dieser Stelle eine Robbe schlachten?

Nun was war passiert? Im Original stand dann wohl im Englischen: “But we could not open the seal”. Man kann “seal” schon mit “Robbe” übersetzen, aber wenn man gerade vor einer Tür steht, dann könnte man auch noch auf ein zufällig gleich geschriebenes englisches Wort mit komplett anderer Bedeutung kommen: “seal” heißt auch Siegel. Und so macht der Satz dann auch Sinn: “Aber wir konnten das Siegel nicht öffnen”.

Wir können also alle heilfroh sein, dass Westeros’ “Bay of Seals” nicht zur “Bucht der Siegel” geworden ist ….

Zusammenfassung

Ich bin mir sicher, dass einige der von mir vorgeschlagenen Übersetzungen auch nicht jedermanns Geschmack treffen. Ich bin nur wahnsinnig enttäuscht, wie viele unfreiwillig komische Übersetzungen sich eingeschlichen haben.

Da dies ja schon die zweite Übersetzung ist (weil die erste zu wenig übersetzt hat?), gehe ich mal davon aus, dass wir bei späteren Teilen das gleiche Übersetzerteam haben werden und wir keine Korrekturen mehr erleben werden. Eventuell wird in 20 Jahren aber noch mal eine neue Auflage kommen, und vielleicht lernt das Übersetzer-Team dann ja auch aus den Fehlern von früher.